Tagung 2012


Jahrestagung 2012
Musiknotendruck und seine Verlage in Leipzig – ein spannendes Kapitel der Mediengeschichte

8. bis 10. November 2012


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Die Jahrestagung des IADM = Internationaler Arbeitskreis Druck- und Mediengeschichte, die diesmal dem Thema „Der Musiknotendruck und seine Verlage in Leipzig – ein spannendes Kapitel der Mediengeschichte“ gewidmet war, fand vom 9. bis 10. November 2012 im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig statt, wobei am Vortag bereits die Möglichkeit bestand, das Sächsische Staatsarchiv in Leipzig-Paunsdorf zu besichtigen, wo ein beträchtlicher Teil der Dokumente zu den Leipziger Musikverlagen gelagert ist.

Nach der Eröffnung der Tagung am Vormittag des 9. November 2012 durch den Vorsitzenden des IADM, Dr. Harry Neß, hieß als Hausherr der Direktor der Deutschen Nationalbibliothek, Herr Michael Fernau, die rund 40 Teilnehmer im Musiksaal des Musikarchivs herzlich willkommen und wünschte der Tagung einen erfolgreichen Verlauf. Die Moderation der Tagung hatte der stellvertretende Vorsitzende des IADM, Dr. Volker Benad-Wagenhoff, übernommen.


 

Den Einführungsvortrag hielt wie in den letzten Jahren üblich, Boris Fuchs vom IADM-Vorstand, wobei er darauf hinwies, dass diese Dienstleistung keinen Anspruch auf eine wissenschaftliche Arbeit erhebt, sondern als Orientierung eine Zeitachse mit „Die Geschichte der Technik des Musiknotendrucks“ vorgibt, an die die einzelnen wissenschaftlichen Beiträge quasi angeheftet werden können. So begann er seine Ausführungen schon bei Johannes Gutenberg, der sich jedoch noch nicht mit dem Musiknotendruck beschäftigte, auch nicht sein Geselle und späterer Kollege Peter Schöffer, jedoch dessen Sohn Peter Schöffer der Jüngere, der 1512 mit dem Tabularbuch des Organisten Arnolt Schlick einen frühen Musiknotendruck als Blockdruck herausbrachte, nachdem man zuvor meistens nur Lücken zwischen den Texten in den Missalen (Messbüchern) offen ließ, um die Noten handschriftlich, je nach üblicher Liturgie in den verschiedenen Gemeinden, einzutragen.

Die ersten typografischen Musiknotendrucke werden den Franzosen Pierre Hautin und Pierre Attaignant um 1527 zugeschrieben, doch diese konnten den komplexer werden Musikstücken nicht mehr genügen – es hätten zu viele Notentypen gegossen werden müssen – weshalb Johann Immanuel Breitkopf Mitte der 1740er Jahre ein System von 300-400 Einzelteilen von Musiknoten schuf, die je nach Bedarf im Winkelhaken zusammengesetzt werden konnten. Doch auch dies war sehr aufwendig und wenig einträglich, weshalb sein Partner Gottfried Christof Härtel um 1800 den unrentablen Musiktypendruck einstellte und sich stattdessen mit dem Notenstich der Kupferdrucktechnik zuwandte. Dies wurde die bevorzugte Technik für die Herstellung der Druckformen für den Musiknotendruck. Da jedoch das Drucken in der Kupferstichpresse viel Zeit benötigte, schob sich zur gleichen Zeit noch eine zweite Drucktechnik nach vorn: die von Alois Senefelder in München erfundene Lithografie. Dabei erwarb der Offenbacher Musikverleger Johann Anton André große Verdienste, der den musikalischen Nachlass von Wolfgang Amadeus Mozart erworben hatte und nach einem kostengünstigen Vervielfältigungsverfahren Ausschau hielt und diese in Senefelders Lithografie fand. Über seine Söhne fand diese Technik dann auch eine schnelle Verbreitung in Paris und London. Die schon von Senefelder angewandte Technik des Umdruckens (Kontern) erlaubte zudem in Kupfer oder Zinn-Bleilegierungen (Pewter) gestochene Vorlagen lithografisch zu drucken, um so „the best of both worlds“ zusammenzubringen.

Auf diese Weise bestand der Notenstich noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, dann jedoch in Weichblei, da der Stich nur der Vorlagenanfertigung zu dienen und nicht mehr den strapaziösen Fortdruck zu überstehen hatte. Mit Abzügen der so gewonnenen Vorlagen auf besonders weißes Barytpapier wurden dann die Kopierfilme in einer 1:1-Reprokamera für den Offsetdruck gezogen. Erst in jüngster Zeit hat die Computertechnik die Möglichkeit geschaffen, Musiknoten mit speziellen Software-Programmen auf dem PC zu erstellen und mit Laserdrucken auf Papier zu bringen oder auf Offsetduckplatten direkt zu belichten. Boris Fuchs demonstrierte zum Schluss mit den einzelnen Arbeitsschritten des Programms „Finale“ wie kinderleicht die Arbeit damit geworden ist.

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Nach dieser Einführung kam Prof. Dr. Axel Beer vom Lehrstuhl für Musikwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zum Thema „Musikverlagswesen und Musikalienhandel in Leipzig in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts“ zu Wort. Er hatte sich schon vorher rege an der Diskussion beteiligt, indem er richtig stellte, das Johann Sebastian Bach, entgegen den Angaben in der Literatur, nie selbst Noten gestochen hat und es bei André bis 1812 (bei Schott bis 1826) gedauert hat, bis man vom Kupferdruck auf die Lithografie umgestiegen ist – die Umstellung habe doch viel Kapital gekostet, weit mehr, als André für den Mozart-Nachlass an Constanze zu zahlen hatte. Sein Vortrag war denn auch ein regelrechtes Feuerwerk von Daten zur Musikverlagsgeschichte Leipzigs, aus dem zu zitieren, es ein fader Abklatsch wäre. Es sei hier auf seine zahlreichen Bücher verwiesen, besonders das in Vorbereitung befindliche über „Die Geschichte und Verlagsproduktion des Leipziger Bureau de Musique von Franz Anton Hoffmeister und Ambrosius Kühnel“, seine Fülle von Fachartikeln sowie seine Lexikonbeiträge im vielbändigen Standardwerk von Friedrich Blume „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ – alles im Internet recherchierbar.


 

Frau Dr. Thekla Kluttig vom Sächsischen Staatsarchiv Leipzig, die schon am Vorabend 20 Teilnehmern ihre Schätze in den bis zur Decke reichenden Regalen gezeigt hatte, referierte danach nochmals zum Thema „Quellen zum Musiknotenstich und -druck im Staatsarchiv Leipzig“. Sie wies einleitend darauf hin, dass man aus dem 19. und 20. Jahrhundert insgesamt 700 Laufmeter Archivmaterial verwaltet und nach Möglichkeit bearbeitet. 310 m davon sind für die Musikgeschichte Leipzigs relevant, besonders den Verlag von Breitkopf und Härtel betreffend, obwohl ein Teil der Archivalien auf Anforderung nach Wiesbaden abgewandert sind. Geordnet liegen diese nach den Sachgebieten Familiengeschichte, Verlagsleitung, Geschäftskorrespondenz, Personal- und Sozialwesen, Finanzen und Verwaltung, Herstellung, Druckschriften, Kalender und Kunstdrucke und Carl Simon-Verlag Berlin vor.

Daneben gibt es 732 so genannte Kopierbücher aus den Jahren 1818-1910, in die alle Korrespondenz fein säuberlich abgeschrieben wurde. Es gab ja noch keine Kopierverfahren. Die Herstellung betreffend gibt es Kalkulationen, Kostenvoranschläge und Abrechnungen, Stichaufträge und Reinschriften als Stichvorlagen. Schließlich gibt es da auch noch Plattenverzeichnisse, Lagerbücher und für die Archivierung so genannte „Findbücher“. Bei alledem herrscht großer Personalmangel – für das Verlagsarchiv ist Frau Dr. Kluttig mit der Hälfte ihrer Arbeitskraft allein zuständig, mit der anderen muss sie sich mit anderen um die 10 km Lauflänge des allgemeinen Wirtschafts-Archivs kümmern – eine Besonderheit aus der DDR-Vergangenheit mit seiner staatlich gelenkten Wirtschaft (VEB-Betriebe). Bei der privatwirtschaftlichen Rückübertragung von verstaatlichten Betrieben und Rittergütern konnte das Archiv dadurch gute Dienste leistete.

Bevor das Staatsarchiv1954 in ein neu gebautes Justizzentrum in Paunsdorf umzog, war es im ehrwürdigen Reichsgericht (heute Bundesverwaltungsgericht) in Leipzig untergebracht. Am neuen Standort stehen dem Archiv 10 Magazinräumen auf 5 Etagen zur Verfügung, was die ständige Platznot erheblich gemildert hat. Schließlich waren insgesamt 23 km Lauflänge an Archivmaterial unterzubringen. Auch gibt es jetzt einen großzügig, mit Selbsbedienungs-Scanner und Mikrofilm-Lesegeräten ausgerüsteter Benutzerraum. Über PCs kann darüber hinaus in der Datenbank selbst recherchiert werden. Viele Anfragen betreffen die Familienforschung, die man nach Möglichkeit zu beantworten versucht.


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Den nächsten Vortrag zum Thema „Die Sammlung, Archivalien und Dokumente zur Buchgeschichte, besonders der Musikverlage in der Deutschen Nationalbibliothek“ hielt Frau Carola Staniek vom. Deutschen Buch- und Schriftmuseum. Sie ließ dabei die Sonderausstellungen von 1902 und 1921 Revue passieren und wies auf die aktuelle Ausstellung „800 Jahre Thomaner-Knabenchor: Thomaner forever – Noten aufzeichnen – Klang speichern“ hin, die in einem Kabinett vor dem Tagungsraum zu besichtigen war und dort noch bis zum 3. Mai 2013 zu sehen ist. Sie bietet einen guten Querschnitt über das Musikschaffen in Leipzig und kann jedermann als Nachlese empfohlen werden. Die Unterteilung erfolgte dabei nach Handschriften/Notation (Neumen), Holzschnitt/Blockdruck, Typendruck/Typensatz, Kupferstich/Tiefdruck, Lithografie, Notenstich, Noten-Schreibmaschine und Tonaufzeichnung/Tonspeichermedien.

Das Archiv des Deutschen Buch- und Schriftmuseums umfasst 170 000 Dokumente, die in die Kategorien Klemmsammlungen, künstlerische Drucke, grafische Sammlung, kulturhistorische Sammlung, Sammlung zur Buchgeschichte und papierhistorische Sammlung gruppiert sind. Die Geschichte der Sammlungen geht auf Bestände der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen Buchhändler von 1840 zurück – sie zeigte dazu das Bild des Deutschen Buchhändlerhauses von 1894 mit dem angebauten Buchgewerbehaus im ehemalige Graphischen Viertel von Leipzig, die beide in der Bombennacht am 4. Dezember1943 total zerstört wurden.

Das älteste Dokument in der Sammlung betrifft ein Geschäftsschreiben der Firma Marc Michael Bousquet & Comp. aus dem Jahre 1737. Ein weiteres Geschäftsgründungs-Rundschreiben betrifft die Firma Robert Forberg aus dem Jahre 1862. Wegen der Fülle der Dokumente hat man eine Datenbank von 4500 Vorlagen erstellt, in der nach Belieben recherchiert werden kann. Besondere Archivalien betreffen die Vereinsgründung der Deutschen Musikalienhändler und -verleger vom 23. Mai 1829 und deren Kampf gegen Raubkopien, sowie die Korrespondenzen in Verbindung mit der Weltausstellung 1893 in Chicago. Auch Reste des Verlagsarchivs des Musikverlags von C. G. Röder sind interessant – sie wies in diesem Zusammenhang wie Frau Dr. Kluttig auf Versprengung vieler Dokumente der Musikgeschichte hin. Neben vielen technischen Materialien – u. a. 500 Druckplatten – weist das Archiv auch eine Sammlung von 4000 Porträts auf, darunter die von Johann Gottlob Immanuel Breitkopf und Gottfried Christoph Härtel, die beiden Protagonisten des Musiknotendrucks in Leipzig. Eine Ex-libris-Sammlung und eine Sammlung von Verlagsplakaten und Reklamebriefmarken runden die Archivbestände ab.


 

Die Direktorin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, Frau Dr. Stephanie Jacobs, führte die Teilnehmer der Tagung selbst durch das neu eingerichtete Museum in einem sehr modern anmutenden, gläsernen Anbau am historischen, im Jugendstil errichteten Gebäude der Deutschen Nationalbibliothek (ehemals Deutsche Bücherei).Vor dem Rundgang erklärte Frau Dr. Jacobs, dass man den Schwerpunkt der Museums-Exponate nach kultur- und mediengeschichtlichen Aspekten ausgewählt habe, beginnend mit dem Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit, von den 40 Lauten des Menschen zur Keilschrift und den chinesischen Schriftzeichen. Besonders interessiert zeigten sich die Teilnehmer an den Exponaten des Typengusses der Koreaner, 50-100 Jahre vor Gutenberg, und den vielen Buchillustrationen, bzw. Buchilluminationen. Dass die Büste des Schnellpressenerfinders Friedrich Koenig zwischen denen von Albrecht Dürer und Justus Liebig steht, verwunderte den Drucktechniker etwas, wenn es auch den Druckmaschinenfachmann freute. Andererseits hätte man sich gewünscht, dass der Bedeutung Leipzigs für die Gründung der ersten, periodisch erscheinenden Tageszeitung („Einkommende Zeitung“ von 1650) mehr Beachtung geschenkt worden wäre. Auch hätte man die Bedeutung Leipzigs für die Einführung des zukunftsträchtigen Offsetdrucks (Caspar Hermanns in Leipzig vorgestellte, erste deutsche Bogenoffsetdruckmaschine „Triumph“ und die ebenfalls von Caspar Hermann geschaffene und von Felix Böttcher Leipzig finanziell geförderte erste Rollenoffsetmaschine der Welt) hier erwähnen müssen.


 

Hanns-Peter Schöbel vom IADM-Vorstand vertiefte die Ausführungen seines Kollegen Boris Fuchs in Bezug auf die Lithographie und die Reproduktionstechnik unter dem Titel „1800 – im Musiknotendruck war Senefelder tonangebend“. Im Mittelpunkt seines Vortrags stand eine sehr instruktiv gestaltete, historische Gegenüberstellung der Entwicklungsstufen in der allgemeinen Drucktechnik und der speziellen Musiknoten-Drucktechnik. Die Musikwissenschaft betrachte die Technik des Notendrucks oft noch als eine Nebensache und auch in der Druckgeschichte werde sie vernachlässigt. Was dabei die von Alois Senefelder 1796 erfundene Lithographie anbelange, so müsse man erkennen, dass dieser auch Techniken und Verfahren wie die Ätz- und Graviertechniken, die Korn- , Spritz- und Punktiertechniken für den Farbbilderdruck, den Über- oder Umdruck von Notenstichen und Gravuren auf Lithosteine und die Durchzeichnung bei Noten erfunden hat. Ebenso geht die Chromolithographie für die Entwicklung der Reproduktionstechniken bis heute auf ihn zurück. Ja, er könne mit Fug und Recht als der Erfinder des Bilderdrucks bezeichnet werden und stehe darin gleichberechtigt neben Johannes Gutenberg für den Textdruck.

Die Lithographie habe das Verlagsgeschäft um 1800 nicht sofort belebt. Höheren Umsatzzahlen standen die Ausbildung in der neuen Technik und der Mangel an Erfahrung im Wege. Die napoleonischen Kriege und ihre wirtschaftlichen Folgen, aber auch der neue, überregionale Verdrängungswettbewerb, z. B. zwischen Frankfurt-Main und Leipzig, habe dem entgegen gewirkt. Trotzdem habe man sich in Leipzig bemüht, der Lithographie und später dem Offsetdruck zum Durchbruch zu verhelfen. Das Leipziger Adressbuch zeige dies sehr deutlich: gab es 1830 erst 6 Steindruckereien und Kunstanstalten, so waren es 1901 bereits 170. Auch die Mitgliederzahlen der im Senefelderbund zusammengeschlossenen Lithographen stiegen von 2 768 in 1891 auf 20 691 in 1932. Somit sei Alois Senefelder auf diesem Gebiet im 19. Jahrhundert tonangebend und technisch revolutionär gewesen.


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Frau Dr. Susanne Richter, Direktorin des Museums für Druckkunst in Leipzig, Mitorganisatorin dieser Tagung und Mitglied des IADM-Vorstandes, wollte den Teilnehmern den Weg zu ihren Museum am anderen Ende der Stadt ersparen und hielt deshalb einen Vortrag mit dem Titel „Die Techniken des Musiknotendrucks und das neu eingerichtete Kabinett im Museum für Druckkunst“.

Frau Dr. Richter ist bestrebt, das Spektrum der Exponate des Museums zu erweitern und vom Image der aus der Historie hervorgegangenen reinen Buchdruckerei wegzukommen. Sie hat deshalb neben einem Kabinett für die xylographischen Druckformherstellung jüngst auch eines für den Musiknotendruck eingerichtet. Das Kabinett ist hauptsächlich mit Vitrinen und Übersichtstafeln bestückt, die die einzelnen, im Musiknotendruck eingesetzten Techniken sehr übersichtlich und für den Laien verständlich erklären. Im Mittelpunkt steht dabei ein Setzkasten für typographischen Musiknotensatz in 4p-Gevierten gegossen. Auf Schautafeln und mit Werkzeugen in den Vitrinen wird der Notenstich und die Lithographie erklärt bis zu den Vorläufern des Computersatzes (MUSICOMP von 1977), die da sind: das vom Letraset-Abreibe-Verfahren abgeleitete Notaset-Verfahren ab 1960 und die Notenschreibmaschinen mit ersten Patenten aus dem 18. Jahrhundert (John Freke 1747) und ersten brauchbaren Ausführungen aus Beginn des 20. Jahrhunderts (Kromar, Rundstatler und Groyen um 1912).


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Den letzten Vortrag des ersten Tages hielt Herr Karl Zimmermann vom Hessischen Landsmuseum in Darmstadt, der über „Matern von Musiknotenschriften aus zwei Jahrhunderten im Hessischen Landesmuseum, Abteilung Schriftguss, Satz und Druckverfahren (ehemals „Haus für Industriekultur)“ sprach. Er selbst sei dort nach seiner Tätigkeit in der Druckmaschinenindustrie dazu angetreten, die Schriften, Matrizen und Matern der Schriftgießerei Stempel im Museum in einer Datenbank zu erfassen und den teilweise chaotisch gelagerten Bestand zu ordnen und zu katalogisieren.

Zu dem Bestand zählen die Originalmatern einer Notenschrift von Karl Tauchnitz, die dieser 1816 erstmals veröffentlichte. Von den einmal ca. 450 Matern seien noch 159 vorhanden, alle als Hakenmater mit ihrer für Tauchnitz typischen Signatur. Karl Tauchnitz würde insbesondere als der erste Anwender der Stereotypie im Musiknotendruck in Deutschland genannt. Besonders stellte Herr Zimmermann die Schriften des berühmten Lehrers und Schriftgestalters Paul Koch heraus, die im Frankfurter „Haus zum Fürsteneck“ in den 1930er Jahren entstanden und bei Gebr. Klingspor in Offenbach am Main gegossen worden waren. Die Matern dieser Schriften, die Bärenreiter- und Fürsteneck-Notenschrift sowie eine Choralnotenschrift, würden im Museum komplett vorliegen, ebenso die bisher völlig unbekannte Schmidt-Notenschrift. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch das IADM-Mitglied, Prof. Hermann Zapf, der im „Haus zum Fürsteneck“ bei Paul Koch seine erste Anstellung fand und heute ein gefeierter Schriftgestalter ist. Zusammen mit Paul Koch hatte Hermann Zapf 1939 das Notenschreibbüchlein herausgebracht, mit den Zeichnungen der charakteristischen Merkmale dieser Notenschriften

Am Ende seines Vortrags stellte er folgende Fragen an das Auditorium: Ist die Probe von Karl Tauchnitz aus dem Jahre 1825 nach dem Stanhope-Verfahren stereotypiert worden? Gibt es Drucke von Karl Tauchnitz? Wann entstanden die gezeigten Choralnoten und wie sieht ihr Druck aus? Wer und was verbergen sich hinter der Schmidt-Notenschrift? Anregungen und Tipps werden von ihm gerne aufgegriffen. Zuschrift erbeten an Adresse Helmertstraße 19 in 76131 Karlsruhe, Tel. 0721-6266 345, e-mail: zigk@hotmail.de


 

Der zweite Tag begann mit einem Vortrag von Dr. Peter Schmitz vom Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Universität Münster zum Thema „Die Gewandhauskapellmeister Carl Reinecke und Arthur Nikisch als Verlagsgutachter“.

Dr. Schmitz wies eingangs auf die überregionale Reputation der Kapellmeister des Gewandhaus-Orchesters hin, weshalb sich die Musikverlage, allen voran Breitkopf & Härtel, ihrer Dienste bei der Auswahl von eingesandten Musikstücken verschiedentlich bedienten. Dies betraf besonders das 19. Jahrhundert, als das Musikverlagswesen im Graphischen Viertel von Leipzig aufblühte. Es war verständlich, dass die Musikverleger einerseits Einfluss auf die Programmgestaltung der Konzerte des Gewandhauses nehmen wollten (mitunter gehörten sie auch dem Direktorium an), andererseits aber auch die Kapellmeister ihren Einfluss auf die Publikation von genehmen Musikstücken geltend machten. Dr. Schmitz stellte dies anhand bislang unveröffentlichter Quellen zur Gutachtertätigkeit der Kapellmeister Carl Reinecke und Arthur Nikisch für das Welthaus Breitkopf & Härtel heraus. Zudem wies er auf Verflechtungen mit der städtischen Musikpublizistik, dem musikalischen Vereinswesen sowie dem Leipziger Konservatorium hin.



 

Kristof Selleslach vom Museum Plantin-Moretus/Prentenkabinett in Antwerpen, Belgien sprach danach über „Der Musiknotendruck in Antwerpen im 16. und 17. Jahrhundert und die Rolle, die Christophe Plantin und Jan Moretus dabei zukommt“. Die Archive der Plantin-Druckerei beinhalten zahlreiche historische Bücher, die als Quelle für Recherchen über die Arbeitswelt einer Zeitungsdruckerei im 16. und 17. Jahrhundert zur Verfügung stehen (siehe die Berichterstattung über die IADM-Jahrestagung 2011, die dort stattfand). Neu war bei dieser Präsentation, dass diese mittelalterliche Verlags-Druckerei im Herzen der Stadt Antwerpen, die alle Kriegswirren unbeschädigt überstanden hat, auch im Musiknotendruck aktiv war. Es gab sogar schon Musiknotenerzeugnisse, bevor Christophe Plantin 1555 sein Unternehmen in Antwerpen gründete und später seinem Schwiegersohn Jan Moretus übergab. Als Beispiel nannte Herr Selleslach Tielman Susato (1516-1570), Musiker, Komponist, Musikkopist, Musiknotendrucker und Musikverleger in Antwerpen. Dieser verfasste 1543 sechszunzwanzig Lieder mit einer Widmung an die spanische Statthalterin Maria von Ungarn. Er zeigte weiterhin ein Konzertdeckblatt aus 1515 der Katholischen Universität Leiden, ein Missale, noch mit 4 Notenlinien, aus 1528 und ein Liederbuch der Universität Gent aus 1540, um diese frühen Musiknotendrucke in Antwerpen zu dokumentieren.

Plantin druckte dann 1568-1573 8 selbst verschiedene Bände der Heiligen Schrift mit eingeschlossen Musiknoten, König Davids Psalmen aus 1564 und weitere Beispiele von römisch-katholischen liturgischen Büchern. Besonderes Interesse fand das Auditorium in der nachfolgenden Diskussion an einer Anweisung von Pater Francesco de Villalba aus Madrid an Christophe Plantin, wie die katholischen Musikschriften im calvinistischen Antwerpen geschnitten und gesetzt werden sollen. Es folgten Beispiele von Abdrucken von Bleinoten für Missalen, Ausschnitte von Plantins Notenschriftproben aus 1585 und schließlich ein reich mit Engeln und Ornamenten geschmücktes Blatt, eine so genannte Bildmotette, in der die Musiknoten eines Lobgesangs auf die Jungfrau Maria durch musizierende Engel als Bild im Bild wiedergegeben wurden.


 

Prof. Dr. Christoph Hust von der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ in Leipzig sprach anschließend über „Periodische Anthologien von Breitkopf zwischen 1756 und 1765“. Anthologien sind Auswahl-Empfehlungen. Sie wurden bei Breitkopf besonders von zwei Rezensenten verfasst: von Friedrich Wilhelm Marpurg für die Jahre 1756-1757 (2 Bände), von Johann Adam Hiller für 1761-1762 (2 Bände) und nochmals von Johann Adam Hiller für 1763-1765 (3 Bände). Die Auswahl wurde getroffen nach Zielgruppen und Schwerpunkten, wie Marpurg in einem Brief 1756 an Breitkopf erklärt hat. Er schrieb als deren Eignung: „sowohl für Musicos und Kenner, als auch für andere Personen von geringerer Empfindung“, die „Wahl der Stücke sei nicht ohne Ursach“ und „das Leichte und Schwere sei genugsam untermischt“. So trugen die Anthalogien Titel wie „Musikalischer Zeitvertreib auf dem beliebten Clavier“ oder „Musikalisches Allerley“ und „Musikalisches Mancherley“.

Interessant ist dabei zu beobachten, wie damit gleichzeitig verschiedene Musikrichtungen und Entstehuungs-Länder gegeneinander ausgespielt wurden, wenn da zu lesen ist: „Die Italiener sind in ihren Compositionen etwas bizarr, frey, verwegen, frech, ausschweifend und im Medium zuweilen nachlässig“ oder „Gegenüber einer Menge geschriebener Sachen aus Paris und Bolgna können sich die Arbeiten unserer guten Berlinischen Meister mit solchen auswärtigen Stücken in dem schöneren Geschmack der Zeit sehen lassen“. Wie bei den Gutachten der Kapellmeister ist auch hier eine mitunter nicht objektive Einflussnahme auf den Konsumenten festzustellen. Da Breitkopfs Notenlager als Grundstock sowohl die Anthologien, das Programm des Gewandhauses, als auch die wöchentlichen Nachrichten und Anmerkungen zur Musik als Werbe- und Rezensionsorgan bedienten und zudem die Kataloge den Wettbewerb schürten, zeigen diese Manipulationen weitreichende Wirkung.


 

Den letzten Vortrag der Tagung hielt Frau Brigitte Geyer von der Stadtbibliothek Leipzig über „Archivierung und Erhalt der Musikbibliothek C. G. Peters“. Frau Geyer ließ zunächst die Firmengeschichte des Verlags C.G. Peters und der Edition Peters Revue passieren (gegr. 1861 als Leihanstalt für musikalische Literatur, 1894 Einweihung der Gebäude in der Königstraße 26, 1997 Vertrag mit der Stadt Leipzig zur Gründung einer Stiftung mit einem Kapitalgrundstock von 4000 Goldmark, 1929 Weltwirtschaftkrise, 1938 unter NS-Treuhand, 1945 enteignet, 1950 VEB Musiknotenverlag, parallele Neugründung in Frankfurt-Main, 1954 auf Verwertung der Musikaliensammlung geeinigt, Zusammenführung der Sammlungen in einer Musikbücherei mit 250 000 Einheiten, 1990 unter Treuhand als C.G. Peters GmbH gestellt). Wegen einer möglichen Rückführung an eine Erbengemeinschaft steht seit 2009 die Sammlung auf Abruf bei einer Speditionsfirma bereit. Dem Anspruch der Erbengemeinschaft steht jedoch neuerdings ein sächsisches Kulturschutzabkommen entgegen, wonach die Sammlung nicht außer Landes gebracht werden darf. Die Stadt Leipzig ist seit 2005 willens, dem Kauf der Sammlung zuzustimmen. Ein Wertgutachten wurde erstellt, doch befindet sich alles noch in der Schwebe.

Die Sammlung hat einen hohen Wert, denn sie enthält alte byzantinische Handschriften und Handschriften von Johann Sebastian Bach (Kantaten), ebenso Handschriften von Felix Mendelssohn-Bartholdy, um nur einige Stücke zu nennen. Die Ungewissheit hat dazu geführt, dass die Sammlung nicht weiter gepflegt wurde, unbearbeitet und unangetastet blieb. Auf jeden Fall soll vermieden werden, dass die Sammlung auseinander gerissen wird, um die wertvollsten Stücke, sozusagen die Rosinen zu veräußern. Der Preis nach dem vorliegenden Gutachten ist immer noch sehr hoch, sodass die Stadt Leipzig die Kosten eines Ankaufs nicht allen aufbringen kann. Man hofft auf Unterstützung durch das Land und den Bund und auch durch private Sponsoren.


 

Die Tagung schloss mit dem Besuch einer Motette des Thomaner-Knabenchors in der Thomaskirche und fand damit einen würdigen Abschluss.

Texte: Boris Fuchs

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