Tagung 2000


Kultur- und Technikgeschichte der Spielkartenherstellung


Das Besondere des Spielkartendrucks beginnt schon beim Bedruckstoff, dem Spielkartenkarton. Er besteht nämlich aus zwei Lagen Rohpapier, die mit einem schwarzen Klebleim (Sicherheitsmerkmal) zur Vermeidung des verräterischen Durchscheinens des Kartenbildes zusammengefügt sind. Eine Grundierschicht und eine Deckschicht auf beiden Seiten vervollständigen diesen Verbund zum bedruckbaren Spielkartenkarton.

Dieser kann heute nur noch von drei Papierfabriken – zwei deutschen (Papierfabrik Scheufelen in Lenningen und Albert Koehler in Oberkirch) und der französischen Arjo Wiggins – für den weltweiten Bedarf von 50 000 t pro Jahr, davon fast die Hälfte für die in letzter Zeit von Kindern so gefragten Magic- und Pokémon-Sammelkarten, geliefert werden. Die flächenbezogenen Massen liegen dabei zwischen 265 und 350 g/qm, bei Stärken von 265 bis 350 müm und engsten Toleranzen von +/- 3müm.

Das Format der Bogen, wie sie die Papierfabrik verlassen, sind je nach Endformat der fertig geschnittenen Karten im Bereich von III B angesiedelt. Umfangreiche Prüfungen (Momorytest, Knickbruchtest, Snap-Test, Shuffle-Master-Test etc.) sind notwendig, um den Anforderungen der Spieler („die Karte muss laufen“) bis zur Casino-Qualität zu genügen.

Bedruckt, lackiert, auf Endformat geschnitten und an den Ecken rund gestanzt werden die Karten heute in der Regel nur noch von einer Spielkartenfabrik pro Land. In Deutschland ist dies die Altenburger Spielkartenfabrik (20-25 Mio. Karten pro Jahr), die seit 1996 zum Konzern der Ravenburger Spiele gehört. Eine kleinere Fertigungsstätte besteht auch in Steinenbronn bei Stuttgart, die aus dem Nachlass der in Konkurs gegangenen ASS-Spielkartenfabrik hervorgegangen ist.

Das ist nicht immer so gewesen. Im 18. und 19. Jhd. beherbergte fast jede Stadt einen oder mehrere Kartenmacher in ihren Mauern. Streng einzuhaltende Zunftordnungen und Stempelsteuern, die das Drei- bis Vierfache der Herstellungskosten ausmachen konnten, suchten deshalb das Ausufern des Kartenmacher-Handwerks und seiner Produkte einzuschränken.

Ein kurzer Abriss der Spielkarten-Geschichte.

Zum Tagungsort wurde die kleine Gemeinde Grevenmacher in Luxemburg gewählt, weil dort im Sommer dieses Jahres zwei neue Museen im Maacher Kulturhoef, ein Druckmuseum mit mehreren historischen Druckmaschinen und ein Spielkartenmuseum mit Mustern und Utensilien der Kartenmacher-Dynastie Dieudonné, die in Grevenmacher gewirkt hatte, eingeweiht wurden. Die Tagung fand denn auch im Kinosaal dieses Kulturzentrums statt und brachte die Mitglieder mit einer ganzen Reihe von auf diesem Gebiet spezialisierten und kundigen Experten zusammen.


Ähnlich wie das Papier, so kamen auch die Spielkarten zu Beginn des 14. Jhd. aus China (erste Spuren führen ins 7. und 8. Jhd.) über Italien und Spanien nach Zentraleuropa. Die älteste Erwähnung eines Kartenspiels in Europa datiert aus dem Jahre 1377 in einer Verordnung der Stadt Florenz zum Verbot des Kartenspiels. Die ältesten erhaltenen Kartenspiele sind das „Stuttgarter Spiel“ (1427-1431) und das „Ambraser Hofämterspiel“ (um 1450). Bei beiden handelt es sich um handgemalte Unkate, die nur im höfischen Milieu gespielt wurden und wegen ihrer Kostbarkeit die Jahrhunderte überdauerten.

Die auf den öffentlichen Plätzen und Wirtshäusern benutzten Karten wurden von geschnitzten Holzmodeln gedruckt und mittels Schablonen koloriert. Für die reinen Zahlenkarten im französischen Bild stanzte man später die Symbole Herz, Pik, Karo und Kreuz aus Zinkblech und nagelte die so gewonnenen Druckformen in der richtigen Positionierung auf Holzbretter, bezw. Druckstöcke. Diese relativ einfache Herstellungsart mag mit ein Grund gewesen sein, dass das französische Bild gegenüber dem deutschen mit Herz, Eicheln, Schellen und Grün, was strukturierte Symbole benötigte, eine größere Verbreitung gefunden hat.

In Italien waren als Symbole Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe gebräuchlich, in Spanien wurden aus den Stäben Keulen und in der Schweiz hat sich bis heute für das „Jassen“ die Symbolreihe Schilten, Eicheln, Schellen und Rosen erhalten. Für den Rückseitendruck nagelte man Stahlstifte in bestimmten Mustern auf ein Holzbrett, bezw. Druckstock, die auf gleiche Höhe geschliffen wurden und so als Druckform dienten. Mit dem so gewonnen neutralen Muster sollten verräterische Griffmarkierungen vermieden werden. Später kamen Rautenmuster aus gekreuzten Linien und Guillochen hinzu. Heute sind es oft feinziselierte einfarbige Reklamebilder.

Mit den Figuren auf den Karten wurden im Verlauf der Geschichte oft aufklärerische und erzieherische Ziele verfolgt. Während der französischen Revolution wurden deshalb die Könige und Königinnen auf den Karten ihrer Herrschafts-Insignien Krone und Zepter beraubt und auch in der DDR-Zeit versuchte man beim „Neuen Altenburger Bild“ die Aristokraten durch antikapitalistische Symbolfiguren zu ersetzen. All diese Versuche schlugen jedoch im Endeffekt fehl. Regionale Unterschiede in der Gestaltung der Figuren konnten sich jedoch lange halten. Dies macht das Sammeln der Karten so interessant, ähnlich dem Briefmarkensammeln.

Schon um 1440 kamen Spielkarten auf, die mittels vertieft gravierten Kupferstichen hergestellt wurden und deshalb eine äußerst detailreiche Zeichnung in den Figurenkarten aufwiesen. Der diese Kunstwerke hervorbrachte wurde in der Geschichtsschreibung der „Meister der Spielkarten“ genannt, denn sein eigentlicher Name ist bis heute unbekannt. Erst ab Mitte des 19.Jhd. kam der Lithostein als Druckform hinzu.

Altenburg wurde als Kartenmacherstadt deshalb so berühmt, weil dort um 1808/1810 das Skat-Spiel erfunden wurde und sich dort auch das Skatgericht zur Klärung von Unstimmigkeiten zwischen Spielern befand. Weitere Merkmale von Altenburg als Skatspielerstadt sind die Alte Skatschule und der Skatbrunnen. Das überlieferte Tarock- und L’Hombre-Spiel mit 22 Trümpfen und 78 Karten war für viele zu schwierig geworden und der „Schafskopf“ zu einfach. So brachte man mit dem Skat einen Zwischenweg zustande. Das heutige „Tarot“ sollte trotz der französischen Schreibweise von Tarock mit dem klassischen Tarock nicht verwechselt werden, denn es handelt sich bei ihm um ein esoterisches Wahrsagespiel. Mit der zunehmenden Verbreitung von „Bridge“ scheint sich eine Tendenz zu mehr Komplexität im Spiel wieder einzustellen.

Heute werden die Spielkarten in Altenburg und anderswo in hohen Auflagen von 100 000 bis 200 000 Stück im Offsetdruck auf vollautomatischen Fertigungslinien von Ziegler & Herzinger oder Rollem, England, hergestellt, die fertg verpackte Spielsets ausstoßen.

Ein rundes Programm mit Experten von Format

Bei der IADM-Tagung in Grevenmacher führte der IADM-Vorsitzende Dr. Harry Neß aus Darmstadt in das Tagungsthema ein und moderierte auch die einzelnen Beiträge. Diese kamen von Senator Emil van der Vekene, Luxemburg, über die Geschichte der Drucktechnik dieses Landes, von Jean Welter aus Grevenmacher über die Grevenmacher Kartenmacher-Dynastie Dieudonné (1750-1880) und von Volker Hoyer aus dem gleichen Ort, der die von den Dieudonnés verwandte Technik erklärte. Die Einführung über die Erfordernisse beim Bedruckstoff besorgte Günter Friedhelm von der Papierfabrik Scheufelen und Frau Marylin Molinet, Direktorin des Maacher Kulturhoef, beschloss den ersten Tag mit einem öffentlichen Abendvortrag über das Konzept und die Perspektiven der beiden neuen Museen in Grevenmacher. Ein Rundgang durch die Museen, wo zusätzlich gerade zwei Sonderausstellungen über die Kataloge von Portius, Frankfurt-Main, und „MailArt“, geschmuggelte Künstlerkarten der DDR-Zeit stattfanden, wurde auf den nächsten Morgen verschoben.

Prof. Dr. Hans Holländer von der RWTH Aachen gab am zweiten Tag einen historisch fundierten Überblick über die Wandlungen der Spielkultur in der frühen Neuzeit („Spiele sind Denkformen und bewegen sich in Raum und Zeit“) und Sigmar Radau, Berlin, der Vorsitzende der Spielkartensammler-Vereinigung „Bube-Dame-König“, beleuchtete das Zunftwesen und die Sozialgeschichte der Spielkartenmacher in Deutschland (Begrenzung der Beschäftigtenzahl, Moralregeln und Nachfolgeregelung). Von den beiden deutschen Spielkartenmuseen waren Frau Dr. Annette Köger-Kaufmann vom Deutschen Spielkartenmuseum in Leinfelden-Echterdingen und Gerd Matthes vom Spielkartenmuseum im Altenburger Schloss gekommen. Während Frau Dr. Köger-Kaufmann mittels mitgebrachter Muster sich der europäischen Geschichte der Spielkarten widmete, ließ Herr Matthes, Produkt-Manager in der Altenburger Spielkartenfabrik und leidenschaftlicher Sammler von Spielkarten, die Geschichte der deutschen Spielkartenfabriken, besonders der Altenburger (1509-heute) Revue passieren.