Tagung 2004


200 Jahre Lithographie – 100 Jahre Offsetdruck

Überblick:

1787: Datum eines Prioritätsstreites zwischen Geistiger Rat Simon Schmid und Aloys Senefelder betr. Steinätzung, die bereits seit Mitte des 16. Jhd. (Philipp Uhlmann, Augsburg) bekannt ist (von Schmid gedruckte Lehrbücher, u.a. „Giftpflanzen für Unterrichtszwecke“).

1794: Aloys Senefelder erhält vom bayrischen Kurfürsten Carl Theodor 25 Gulden zur Durchführung von Versuchen, seine Geistesprodukte (Theaterstücke) selbst drucken zu können.

1795: Versuch 1: In Stahl gestochene Matrizen in Birnbaumholz schlagen und davon wie von Holzschriften drucken. Versuch misslingt. Versuch 2: Schrifttypen in einen rasch trocknenden Teig aus Ton, feinem Sand, Mehl und Kohlestaub drücken und die so gewonnenen Matrizen mit Siegelwachs und fein verriebenen Gips ausgießen – davon Abdrucke anfertigen (Analogie zur ersten Setzmaschinen von Josef Kriegl 1862 und Ottmar Mergenthaler 1884 (Rotary Mix Machine). Versuch eingestellt.
Versuch 3: Schrift mit Stahlfeder verkehrt in eine mit Ätzgrund überzogene Kupferplatte eingravieren und davon wie von Kupferstichplatten drucken. Statt Kupfer Zinn und schließlich Kehlheimer Steinplatten (Solnhofener Schiefer) eingesetzt. Druckfarbe aus Wachs, Unschlitt, Kienruß und Regenwasser erstellt. Versuch gelingt.

1796: Übergang von vertiefter zur erhabenen Manier. Hochgeätzte Schrift auf Stein – daraus Prioritätenstreit mit Simon Schmid resultierend. Die Wäschezettel-Episode hat Aloys Senefelder selbst in seinem späteren Lehrbuch erzählt. Die Idee, Musiknoten damit zu drucken, bringt ihn mit dem Hofmusikus Franz Gleißner in Verbindung – dieser unterstützt und fördert ihn (Kupferstich-Noten kosteten damals 30 Kronen, Steindruck-Noten nur 6 Kronen). Gründung der Firma Gleißner & Senefelder in München.

1797: Die Walze der kleinen Kupferpresse der Firma bricht entzwei. Aloys Senefelder erfindet darauf hin die Stangenpresse (Reiber-Prinzip) für den schonungsvollen Umgang mit dem Stein. Da diese aber nur schwer zu bedienen ist, lässt er auf Kosten des Münchner Musikalienhändlers Macarius Falter zusätzlich eine große Walzenpresse bauen.

1798: Über die Idee eines Umdrucks zur Vermeidung der Spiegelschrift bei der Hochätzung kommt Aloys Senefelder zur Erfindung der Lithographie, die er zunächst „chemische Druckerey“ und dann „Polyautographie“ nennt. Die Zeichnung wird dazu mit einer Gummiarabicum-Lösung unter Zusatz von Salpetersäure bedeckt. Dadurch nimmt diese die Farbe an, während die übrige, mit Wasser benetzte Fläche die Farbe abstößt. Die Druckfarbe veränderte er gegenüber der Buchdruckfarbe durch Beimischung von Collophonium, festem Ölfirnis, Gummielasticum, Terpentin und Mastix. Mehr als 1000 Versuche waren nach seinen eigenen Angaben notwendig, um zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Auch das Papier wurde dabei speziell präpariert. Erste Kreidelithographie (Umdruck von Kupferstich "Bildnis Jesu").

1799: Aufnahme der Brüder Theobald und Georg in die Firma Gleißner & Senefelder. Erlangung eines "Privilegium exclusivum" für Aloys Senefelder und Franz Gleißner und deren Erben von Kurfürst Maximilian Joseph auf die Dauer von 15 Jahren. Senefelder erfindet als eine Variante die umgekehrte Lithographie zur Verwendung von Wasserfarben. Zusammentreffen mit dem Offenbacher Musikverleger Johann Anton André, der Mozarts Nachlass erworben hat. Ein Vertrag zwischen Senefelder / Gleißner und André zum "Erwerb des Geheimnisses, Noten und Bilder auf Stein zu drucken" wird unterzeichnet. Zur Einrichtung einer Steindruckerei in Offenbach reist Aloys Senefelder selbst an. Die Mutter Senefelder unternimmt derweil das Regiment in München. Perfektionierung des Umdrucks von Kupferstichen. Erste Idee zu einer "künstlichen Steinplatte" – erst 1818 von Aloys Senefelder praktiziert.

1800: In Offenbach werden 10 Kupfer-Zinndruckpressen durch 5 Steindruckpressen ersetzt. André verwendet den Steindruck systematisch für den Notendruck ein – er setzt damit Maßstäbe für die Marktführer in diesem Gewerbe: Schott in Mainz und Breitkopf & Härtel in Leipzig. André trägt sich mit dem Gedanken, Privilegien für den Steindruck in Frankreich, England, Berlin und Wien zu beantragen. Er reist dazu im April 1800 nach London – Ende 1800 nochmals zusammen mit Aloys Senefelder.

1801: Durch Vermittlung von Andrés Sohn Philipp, der in London wohnt, Erlangung eines Patentes für England und Schottland, das Senefelder an André für 3000 Gulden abtritt. Die Mutter Senefelder beantragt beim Kaiser in Wien ein Patent für ihre Söhne Aloys, Theobald und Georg. Frau Gleißner reist auf Drängen von André parallel nach Wien, um das Patent für ihren Mann und Aloys Senefelder zu beantragen – nicht für André. Dieser droht daraufhin mit der Einstellung der Finanzierung, worauf Aloys Senefelder selbst nach Wien reist, wo er zunächst nur eine Gewebeberechtigung – noch kein Patent – erhält. Seinen Brüdern erlaubt er, in München eine eigene Steindruckerei zu eröffnen. Der Außenseiter Franz Anton Nieder-mayer eröffnet eine Steindruckerei in Straubing und versucht in Wien Fuß zu fassen. (Seine Nachkommen feierten im Jahre 2002 in Regensburg ihr 200jähriges Firmenjubiläum).

1802: Andrés Sohn Friedrich erhält in Paris, wo er wohnt, ein Patent für die „nouvelle méthode de graver et imprimer“ und richtet dort eine Steindruckerei ein. Es folgt ein reger Ideen- und Erfahrungsaustausch zwischen den Brüdern André, Philipp in London und Friedrich in Paris, untereinander und mit ihrem Vater in Offenbach.

1803: Wilhelm Reuter richtet nach einem Besuch in Paris eine eigene Steindruckerei in Berlin ein. Reuter: „Was die Erfindung der Buchdruckerkunst in der Wissenschaft, das wird die Poly-autographie in den Bildenden Künsten sein“. Tatsächlich bringt die Lithographie die Kunst unter das Volk.

1805: Einrichtung einer so gen. „Feiertagsschule“ in München, an der die Brüder Theobald und Ge-org Senefelder als Lehrer tätig sind. Diese findet das Interesse des Begleitstabes von Napo-léon. Mitarbeiter von Aloys Senefelder richten bei Breitkopf & Härtel in Leipzig eine Stein-druckerei ein. Aloys Senefelder klagt gegen seine Brüder wegen Verkaufs des Privilegs.

1809: Die Staatliche Steuerkataster-Kommission richtet in München gegen den Willen von Aloys Senefelder eine eigene Steindruckerei zum Druck von Landkarten, Formularen und Stadtplä-nen ein. Man vergleicht sich, indem Aloys Senefelder „Königlicher Inspektor der Litho-graphie bei der Steuerkataster-Kommission“ wird, mit den entsprechenden Bezügen. Er verkauft daraufhin seine Steindruckerei an Johann Georg Zellner (Geschäftsdrucksachen) und Johann Christian von Mannlich (Kunstdruckabteilung).

1813: In Frankreich beginnt Nicéphore Niépce mit Versuchen, das Lithographieren auf photo-mechanischem Weg zu rationalisieren. Er überzieht den Stein mit einem lichtempfindlichen Silbersalz-Firnis und deckt darüber ein in Wachs getauchte und damit transparent gemachte Zeichnung. Das Ganze setzt er stundenlang dem Sonnenlicht aus.

1816: Niépce setzt für die Übertragung erstmals eine selbst befertigte Kamera mit Linsenoptik ein. Das dabei verwendete Chromsilber als lichtempfindliche Substanz erweist sich als nicht sehr beständig – erst 1819 erfindet der Engländer Sir John Hershel die unterschwefelsauren Salze als Fixiermittel. Er kommt so auf die Verwendung von Asphalt, mit dem er den Stein bestreicht und danach tiefätzt: die erst photomechanisch erzeugte Druckform.
Johann Anton André drängt Aloys Senefelder schon seit längerem, eine ausführliche "Beschreibung der verschiedenen lithographischen Manipulationsarten" herauszubringen. Nach Ende der napoleonischen Kriege setzt eine Welle von Neugründungen lithographischer Anstalten in ganz Europa ein.

1818: Aloys Senefelders „Vollständiges Lehrbuch der Steindruckerei“ erscheint bei Karl Thienemann in München und bei Karl Gerold in Wien. Zur gleichen Zeit erscheinen drei weitere Schriften über die Kunst der Steindruckerei von E. Mairet, M. Peignot und Franz Xaver Mettenleitner, die jedoch im Schatten von Senefelders Publikation bleiben. Sie weisen jedoch auf die schnelle Verbreitung der Lithographie hin.
Aloys Senefelder stirbt am 26. Februar 1834 in München im Alter von 63 Jahren. Er hatte einen Gehirnschlag erlitten und wird auf dem alten Münchner Südfriedhof beerdigt.

um 1850: Entstehung der ersten Steindruck-Schnellpressen des Franzosen Nicolle, des Österreichers Georg Sigl und Alexander Dupuy in Paris. Bei Letztem lernen die beiden Schwaben Louis Faber und Adolf Schleicher das Steindrucker-Handwerk, bevor sie sich wegen des Krieges 1870 / 71 in Offenbach selbständig machen.

1870: Erste Blechdruck-Schnellpresse von Pelaz & Huguenet in Frankreich, wendet den indirekten Druck über einen Gummituch-Zylinder an – jedoch im Buchdruck.

1886: Erste „Zinkdruck-Rotary“ von Rudiman Johnston in Edinburg, Schottland, setzt eine biegbare Zinkplatte (später Aluminiumplatte) statt des starren Lithosteines ein. Weiterhin Verwendung der manuellen Oberflächenbehandlungstechniken wie beim Lithostein (Säurevorbehandlung, Schleifen und Körnen mit Bimssteinmehl. Bebilderung mit Lithokreide- oder -tusche). Nach der Praktikabilität der Fotographie kommen fotomechanische Beschichtungs-verfahren (Schleuder und Kopierrahmen) auf, dies für Negativ- und Posivkopie.

1903: Erste Patentanmeldungen für den Offsetdruck von L.S. Morris (bei George Mann nicht lauffähig gemacht), Robert F. Rogers (halbe Offsetmaschine) und Caspar Hermann (abgelehnte Sechsfarben-Bogenoffsetmaschine), die jedoch alle nicht zum Tragen kommen.

1904: Parallelerfindung der ersten Bogenoffsetmaschine durch Caspar Hermann in Baltimore, Maryland, und Ira Washington Rubel in Rutherford, New Jersey. Angebliche Zufallserfindung von Rubel, bei Hermann durch logische Überlegung (Vorbild: Pantograph-Umdruck mit steckbarem Gummituch seit 1862).

Caspar Hermann verkauft seine Erfindung an die Brüder Harris, bzw. deren Harris Automatic Press Company in Niles. Ohio.
1907: Caspar Hermann kehrt nach Deutschland zurück und präsentiert mit der "Triumph" in Leipzig (aus der Not geborene, umgebaute Harris Buchdruck-Bogenrotation der Maschinenfabrik Zweibrücken) die erste deutsche Bogenoffsetmaschine.

1908: Ira W. Rubel stirbt in London – erst 48jährig. Der Konkurs seines Gemeinschaftsunternehmens mit Axel Sherwood in Chicago („Sherbel“ Syndikat) hat zum ungewollten Bau von Bogenoffsetmaschinen bei der Potter Printing Press Company in Plainfeld, New Jersey, und bei George Mann & Co. in Leeds, England, geführt. Lizenznehmerin von Letzterer in D wurde die Leipziger Schnellpressenfabrik von Schwiers, Werner & Stein (SWS).

1909: Die Schnellpressenfabrik Frankenthal, Albert & Cie. AG erwirbt das Patent von Caspar Hermann für das Gummi-gegen-Gummi-Prinzip, wendet es jedoch nur bei ihren Bogenoffsetmaschinen für den gleichzeitigen Schön- und Widerdruck an.

1912: Vorstellung der ersten Rollenoffsetmaschine der Welt, gen. "Universal", bei Druckwalzenfabrik Felix Böttcher in Leipzig. Erfinder: Caspar Hermann (Gummi-gegen-Gummi-Prinzip), Finanzier: Ernst Herrmann, Inhaber der Druckwalzenfabrik Felix Böttcher, Erbauer: Vogtländische Maschinenbau AG (VOMAG) in Plauen, Vogtland.

1919: Caspar Hermanns Patentanmeldung auf wasserlosen Offsetdruck wird nicht erteilt. Erfolgreiche Versuche und Vorführungen 1930 / 31 stoßen auf kein Interesse – auch nicht in USA im Jahre 1932. (Erste Patenterteilung 1966 an Greubel und Russell für 3M in USA). Caspar Hermann stirbt, durch die Versuche verarmt, am 9. November 1934 in Leipzig.

1925: John F. Webendorfer beginnt mit Versuchen zu einer Rollenoffsetmaschine für Akzidenz-Qualität in seiner Webendorfer-Willis Company in Mount Vernon, New York.

1947: Hanns Eggen in Hannover bringt die Kopierschicht P 43 auf Basis Polyvenylalkohol heraus (in Wasser entwickelbar). Für hohe Auflagen stehen Bi- und Trimetallplatten zur Verfügung.

1948: John Webendorfer entwickelt bei American Type Founders (ATF) die erste Heatset-Rollenoffsetmaschine mit einem Gastrockner der Firma Ben Offen in Chicago.

1949: Die Firma Kalle in Wiesbaden-Biebrich bringt die erste vorbeschichtete Offsetdruckplatte mit Namen „Ozasol“ heraus. Dadurch gleichmäßigerer Schichtauftrag.

1956: Hanns Eggen stellt in Zusammenarbeit mit der Firma Gustav Aldolf Spielmann, Offenbach, die mikrogekörnte Aluminiumplatte „Eggen-Mikral“ vor. Fortführung durch die Anodisierung bzw. Eloxierung.

1962: Anstoß einer Renaissance des Rollenoffsetdrucks in Europa durch den massiven Auftritt der nord-amerikanischen Hersteller auf der Drupa 1962.

1965: Die erste doppelbreite Rollenoffsetmaschinen (GOSS-Metro) für den Zeitungsdruck löst eine Lawine in der ganzen Welt aus. Auch die Heidelberger Druckmaschinen AG steigt in den Bau von Bogenoffsetmaschinen ein, dto. die Koenig & Bauer AG (KBA).

1967: Die Firma Kalle bringt zur Steigerung der Auflagenbeständigkeit das Thermodurverfahren auf den Markt.

um 1980: Der Offsetdruck überflügelt den Buchdruck weltweit mit stetig weiter steigender Tendenz. Der Offsetdruck erweist sich als höher qualitativ und am Ende auch als wirtschaftlicher. Die Akzidenz-Rollenoffsetmaschinen werden immer schneller und weisen durch Automatisierung und Voreinstellung immer weniger Makulatur auf. Auch die Seitenkapazität (bis 72) steigt.

1990: Die Fotopolymer-Laserplatte erobert den Markt, gefolgt von der Silberhalogenid- und der Thermoplatte. Computer-to-Plate (CtP) wird das zukünftige Belichtungsverfahren. Im Zeitungsdruck hält die Achterturm-Bauweise nach Hermanns Gummi-gegen-Gummi-Prinzip Einzug, d.h. die vollfarbige Zeitung (4c auf allen Seiten) wird zum Standard.



Weitere Vorträge:


Andreas Weber: "Not macht erfinderisch: Der Innovator Aloys Senefelder".

Henk Gianotten: "Ende des Buchdrucks: Die Handelspolitik des holländischen Handeslshauses Tetterode".

Wolfgang Walenski: "Einfluss der Flachdruckformen auf die Qualität in Vergangenheit und Gegenwart".

Johan de Zoete: "Die Entwicklung der Fotolithographie mit besonderer Berücksichtigung der Situation in den Niederlanden".

Peter L. Vrijdag: "Vom Stein zum Chip".





Autor: Boris Fuchs